1. Was soll ich machen?
Viele Jugendliche tun sich schwer mit dieser Kernfrage beim Start
in eine Ausbildung. Eine Flut von Informationen verunsichert oft mehr
als sie klärt. Bildungsfachleute raten:
Wer seiner Neigung folgt, kann bei der Wahl nicht schief liegen.
Sie war unbestritten sprachbegabt und Französisch ihre Leidenschaft. Mit 15 wusste Carolin, was sie wollte. Die geliebte Sprache lernen - wie ein Franzose spricht, denkt, fühlt und überhaupt, la vie en France. Die berufliche Nutzanwendung dieser Sprachleidenschaft war zunächst verschwommen. Was fang' ich damit an: Dolmetscher werden? Gut verdienen, aber jede Menge Stress. Hotelmanagement, internationales Reisegeschäft? In der Welt zu Hause, aber kein eigenes Zuhause. Kinderbücher übersetzen? Lieber gleich Kindern vorlesen. Nach einigen Umwegen (Studienrichtung, Au pair-Erfahrung), die zur Klärung nötig waren, tut Carolin jetzt, was sie am besten kann, weil sie es am meisten mag: In Frankreich jungen Franzosen Deutsch beibringen - so wie ein Deutscher denkt, lacht und lebt.
"Man muss seiner Leidenschaft nachgeben." Das ist für Werner Marquis von der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Düsseldorf immer noch die wichtigste Voraussetzung für eine richtige Berufswahl. Im Übrigen sei die Neigung für eine Sache auch das Rezept, "sie durchzusetzen und Erfolg zu haben", sagt der erfahrene Berufsberater. Die Fachleute sind sich einig: Die Schieflage des Ausbildungsmarktes, die zu einer knallharten Bestenauslese führt, erklärt sich zu einem Gutteil aus den falschen Vorstellungen der Jugendlichen in Bezug auf ihre Berufswünsche. Da wolle eine Sechszehnjährige Veranstaltungskauffrau werden, "aber auf keinen Fall am Schreibtisch herumhängen", erzählt Gregor Berghausen, verantwortlich für Berufsbildung bei der IHK Düsseldorf. Jungen seien froh, wenn sie nach der Schule "die blöde Mathe los sind" und springen doch auf Berufe an, die auf Technik enden.
Wunschvorstellungen und Wirklichkeit unter einen Hut zu bringen, das ist die Sisyphus-Aufgabe für die Berufsberater. Bei den BIZ - Berufsinformationszentren der 180 größeren Arbeitsagenturen (und mobil auch im Land unterwegs) stehen Aufklärung und Beratung umfassend und in jeder Form zur Verfügung - persönlich, auf Papier und im Internet.
Das nordrheinwestfälische Handwerk (www.handwerk-nrw.de, über Link Berufswahl zum Jugendmagazin "handfest") hält Klasse Informationen über alle 125 Ausbildungsberufe von A wie Augenoptiker bis Z wie Zweiradmechaniker auch auf CD-Rom bereit. Eine zweite CD-Rom listet alle Ausbildungsbetriebe im Land auf. Die Industrie- und Handelskammern halten ihr Berufsorientierungsprogramm im Web unter www.startindenberuf.de auf aktuellem Stand. Spezielle Berufsinformationen (oft mit Ausbildungsbetrieben) halten alle möglichen Verbände aus Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe bereit. Für die veränderten Berufsprofile und oft unterschätzten Karrierechancen im Einzelhandel werben große Unternehmen und Handelsketten wie Metro, P&C, Rewe oder Plus/Tengelmann mit starkem Engagement vor Ort - in der Schule oder im Laden. Wie der Neusser Bäckermeister Thomas Puppe haben viele Mittelständler persönliche Schul-Partnerschaften entwickelt.
Informationen im Überfluss. Bevor man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, rät Marquis, unten anzufangen: Aus Neigungen, besonderen Hobbys, Lieblingsfächern in der Schule kristallisieren mögliche Berufsbilder heraus. Den wichtigsten Part "haben wahrscheinlich wir Lehrer, die bei den Jungen und Mädchen das erste Gefühl dafür wecken müssen, dass sie mit dem Schulabschluss schon die Weichen für das Berufsleben stellen", sagt eine Hauptschullehrerin.
Viel schlimmer findet Karin Wilcke, Beraterin für akademische Berufe bei der Agentur, die Naivität vieler Studenten, die nicht wahrhaben wollen, "dass es ein Leben nach der Uni gibt". "Die kommen mit dem Magister und fragen: 'Was mach' ich jetzt damit?'"
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